Kurz vor Abflug

Montag, 10.12.2012

Lang ist es nicht mehr, bis ich zum ersten Mal im Flieger Richtung Heimat sitze.

Und momentan wird meine Vorfreude ein wenig überschattet von der Tatsache, dass letzten Samstag schlappe 350 wegen Schneefall und neuerdings wegen Gewerkschaftsstreiks gestrichen wurden. Natürlich hoffe ich nur das Beste, aber man kann ja nie wissen. Gut, dass ich mich immerhin schonmal über meine sogenannten "Passagierrechte" erkundigt habe - und da mir ein Ersatzflug zustehen würde, sehe ich die Sache sogar ganz relaxt.

Ein wenig mehr Kopfzerbrechen bereitet mir die Frage, wie das "Abschiednehmen 2.0" aussehen wird. Will ich überhaupt wieder nach Indien oder würde ich das eisig-kalte Deutschland bevorzugen? Wie sieht es mit dem Kulturschock in der westlichen Welt aus und wie komme ich mit der Wiedereingliederung in Indien klar? Ich meine, eins steht jetzt schon fest : pinkelnde, pöbelnde Inder werde ich jedenfalls nicht vermissen! (Ich nenne genau diese Adjektive, da sie mich trotz der vier Monate hier, noch am meisten anwidern). Gegen diese Tatsache helfen leider auch keine "Do not urinate here" Schilder. Ob alt ob jung, neben Gemüseständen oder an Schulgebäude, wenn die Blase drückt, ist die Frage nach Anstand definitiv fehl am Platz. Doch was ist schon Anstand...

Top 5, wo ich nur den Kopf geschüttelt habe :

5) Am Bankschalter : Diskretion existiert nicht. Warteschlangen genauso wenig. Da wird gedrängelt und geschubst und nebenbei über die Schulter geguckt, wer gerade wie viel Geld einzahlt oder abhebt. Auch im Krankenhaus weisen Ärzte eine Multi-tasking Fähigkeit auf.

4) Eine Supermarktangestellte, die mich vor meinen Augen nachgeafft und sich mit ihrer Kollegin schlappgelacht hat, nachdem ich sagte, dass ich kein Bargeld, sondern nur eine Kreditkarte bei mir hätte.

3) Ein Rikshawfahrer, der, nachdem er uns für einen 5 Minuten 150 Rupee abknüpfen wollte und wir ihm die üblichen 30 gaben, uns das Geld im wahrsten Sinne des Wortes an den Kopf geworfen hat.

2) Ein Busfahrer, das uns an der Grenze zu Karnataka rausgeschmissen hat, mit der Begründung, dass er aufgrund von einem Streik nicht weiterfahren dürfe.

1) Eine Friseuse, die mir die Haare mit Gesichtsbleichmittel (!) Wasserstoffblond gebleicht hatte und anschließend tatsächlich behauptete, dass es gut aussähe. Als ich mein Geld zurückverlangte, schmiss sie mich aus ihrem Salon.

Wie lautet hier ein weitverbreitetes Motto: Nothing is impossible in India.                  Das ist wohl wahr...

Nun ja, wie es auch kommt: Ob mit Magenschmerzen oder mit Bauchkribbeln , Fakt ist, dass ich am 5.1. wieder im Flieger via Bangalore sitzen werde. Bis dahin gibt es noch viele ungeklärte Fragen, angefangen damit, wo wir die restliche Zeit wohnen können bis hin zu der Entscheidung, ob das Bauprojekt, für das mich mittlerweile so viele unterstützen, durchgeführt werden kann.

Vielleicht noch ein paar Zeilen dazu : 

Bevor ich zum Zwischenseminar nach Trichy gefahren bin, dachte ich, dass es eigentlich ganz cool ist, Kleidung, Kuscheltiere, Süßigkeiten und vor allen DIngen Fördermittel zu organisieren, um den Menschen hier zu helfen. Auch das Grußkartenprojekt ist aus dem Gedanken entstanden, die finanzielle Lage von fünf Frauen zu verbessern.

Mittlerweile hat sich mein Horizont jedoch in der Hinsicht erweitert, dass ich das ganze aus dem Blickwinkel "Nachhaltigkeit" betrachten kann. Und so stelle ich mir die Frage, ob es wirklch nachhaltig ist, einmalig einen Sack voll Kuscheltiere mitzubringen, um Kinder für ein paar Tage damit glücklich zu machen. Verfestigt sich so nicht das Bild, dass die "Weißen" die reichen Geldgeber sind, die Geschenke verteilen und sie so zu den "Fremden" werden, zu denen eine Kultur aufblicken muss? Will ich mich durch den Materialismus von diesen Menschen separieren oder will ich mich in meinem Handeln, meinem Freiwilligendienst mit ihnen sozialisieren? Klar, auch die Sozialisierung kann im Desaster enden, nämlich dann, wenn man sich für das Privileg, in einem reichen Land geboren zu sein, schämt oder sich dafür sogar selbst verachtet.

Ich habe mir auch die Frage gestellt, wie viele NGOs (=Non government organisation) es aus anderen Kontinenten gibt. Gibt es Afrikaner, die in Indien eine Schule aufbauen? Oder gibt es Inder, die Bolivianern helfen? Und wie sieht es mit wirtschaftsstarken asiatischen Ländern aus wie China, Korea oder Japan? Investieren die in Entwicklungshilfe? Ehrlich : Ich freu mich, wenn ihr Antworten darauf habt.

Mit diesen Fragen lasse ich euch zurück,

bis bald,

Anne